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Ausnehmend schöner Ton

09.07.2024 – Heiner Schultz, Gießener Anzeiger

Eine glänzende Vorstellung des Paulus-Oratoriums von Felix Mendelssohn Bartholdy erlebten die zahlreichen Besucher am Sonntag in der Marienstiftskirche in Lich. Die Marienstiftskantorei, die Kammerphilharmonie Bad Nauheim und die Solisten Karola Pavone, Johannes Mayer und Tomi Wendt lieferten unter der Leitung von Christof Becker ein stimmiges Konzert von großer emotionaler und musikalischer Intensität.

Solistin Karola Pavone zusammen mit der Marienstiftskantorei und der Kammerphilharmonie Bad Nauheim. © Heiner Schultz

Das zweieinhalbstündige Werk gehört zu den bedeutendsten des Genres und stellt auch im Leben Mendelssohn Bartholdys (1809-1847) einen Meilenstein dar. Bis heute hat es großen Einfluss auf das Dirigieren. Das Oratorium stellte er im Alter von 27 Jahren fertig, die Uraufführung 1836 in Düsseldorf war der Beginn eines bemerkenswerten Siegeszugs. »Allein 1836 und 1837 wurde es in mehr als 50 deutschen Städten aufgeführt, zahlreiche Aufführungen in England kamen hinzu«, schreibt Kantor Becker in seiner Einführung.

Der sehr gute Besuch belegt, dass das Werk auch heute noch viel Zuspruch findet, zumal live in der guten Akustik der Licher Kirche. Es begann mit einem samtweichen Einstieg, etwas getragen und mit sanft gesteigerter Dynamik. Die Kantorei musizierte geschlossen und transparent, es erklang schöner klassischer Chorgesang. Dazu kam die bewährte Kammerphilharmonie Bad Nauheim hinzu, die sich bestens aufgelegt als zuverlässiger Grundpfeiler der Aufführung erwies. Überdies spürte man bei allen Beteiligten eine große Spielfreude.

Spielfreude bei allen Beteiligten

Beste Voraussetzungen also für ein herausragendes Konzerterlebnis, und dazu sollte es dann auch kommen. Besonders an diesem Werk ist die durchaus zugängliche Qualität, die verbunden ist mit dramatischen und vielfarbigen Elementen sowie kräftigen Wechseln in manchen Kapiteln. Hier wird es nicht langweilig.

Als erstes und wiederkehrendes Glanzlicht entpuppte sich der Auftritt der Sopranistin Karola Pavone. Sie musizierte mit ausnehmend schönem Ton, makelloser Intonation und inhaltlicher Konzentration. Sie sang mit außergewöhnlicher Sprachverständlichkeit und fügte ihrem Vortrag eine emotionale, liebliche Klangfärbung hinzu, die förmlich in die Musik hineinzog. Zudem verlieh sie ihren Partien erzählerische Qualität – ein Genuss.

Nicht weniger überzeugend waren die Beiträge von Tenor Johannes Mayer. Er sang mit einer höchst einnehmenden, ungezwungenen Verbindlichkeit. Sein kultivierter, runder Ton wurde von keinerlei Manierismen getrübt, seine Sprachverständlichkeit war tadellos. Auch er verlieh den historischen und Bibeltexten eine gewisse Natürlichkeit. Auch Bassist Tomi Wendt, Ensemblemitglied des Stadttheaters Gießen, musizierte mit großer Natürlichkeit und Sicherheit sowie größter handwerklicher Präzision. Er vervollständigte das Solistentrio zu einem hörenswerten Ensemble.

Doch die Solisten hatten die Bühne nur selten für sich allein. Immer präsent waren bei diesem Oratorium das Orchester und der Chor. Im Klang vorteilhaft erweitert wurde das Geschehen durch die Gießener Petruskantorin Marina Sagorski an der Altarorgel. Die von ihr beigesteuerten Bässe rundeten den Konzertklang ins Volle nach unten ab und unterstützten die zwei Kontrabässe.

Christof Becker in seinem Element

Leiter und Dirigent Christof Becker erwies sich einmal mehr in seinem Element, er genoss die Aufführung sichtlich. Energiegeladen agierte er wie stets mit vollem Körpereinsatz, manchmal schien es fast, als tanze er die Musik mit, zumeist war zu spüren, wie sie ihn durchfloss. Sein präzises Dirigat hatte dabei eher eine ermunternde als eine bestimmende Qualität.

Insgesamt erlebten die Zuhörer ein Konzert von durchweg allerbester handwerklicher Qualität, das kompositorisch sinnliche Anziehungskraft besaß. Es gab zum Abschluss sehr langen intensiven Beifall.