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Beeindruckend und bedrückend

27.11.2024 – pm, Gießener Allgemeine Zeitung

Berührende musikalische Momente bietet das Konzert der Marienstiftskantorei in Lich.
Im Mittelpunkt steht das »Requiem für einen polnischen Jungen«. © Red

Kantor Christof Becker hatte für das Konzert der Marienstiftskantorei am Ewigkeitssonntag ein eindrucksvolles Programm zusammengestellt. Es war folgerichtig, dass die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar die Schirmherrschaft übernommen hatte. Dr. Dow Aviv, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Gießen, hielt eine kurze Ansprache, in der er an den 9. November 1938 erinnerte und an die Bedeutung des Gedenkens daran für heute mahnte.

Abseits der gewohnten Pfade

Zur Eröffnung spielte Klarinettist Ulrich Mehlhart (ehemals hr-Sinfonieorchester) meisterhaft und sehr ausdrucksstark den berühmten dritten Satz »Abîme des Oiseaux« für Klarinette solo aus Olivier Messiaens »Quatuor pour la fin du temps«, ein hochexpressives Neunminuten-Stück, das das Publikum im Kirchenraum vom ersten Ton an in eine zugleich lebendige und berührende Atmosphäre tauchte.

Messiaen hatte dieses Stück 1940/41 im deutschen Kriegsgefangenenlager Görlitz komponiert. Hierauf schloss sich das Hauptwerk des Abends an: Dietrich Lohffs »Requiem für einen polnischen Jungen« für Sopran, Chor und kleines Orchester. Wieder einmal konnte man erleben, wie sehr es sich lohnen kann, auch Musik abseits der ausgetretenen Pfade an sich heranzulassen.

Denn Lohff ist hier ein sehr dichtes, gehaltvolles, unter die Haut gehendes Stück gelungen. Das Werk vertont kongenial acht Gedichte von Opfern des Nationalsozialismus, die ihrerseits bereits sehr bedrückend und ausdrucksstark sind. Unter der Leitung von Kantor Christof Becker gestalteten die hervorragende Sopranistin Johanna Krell, der perfekt eingestimmte Marienstiftschor und ein sehr differenziert spielendes Orchesterensemble eine sehr überzeugende und fesselnde Aufführung des diffizilen Werks.

Auch dank des sowohl inhaltlich wie im Layout ausgezeichneten Programmheftes konnte man dem Werk problemlos folgen und die vertonten Texte auch selber mitvollziehen. Der letzte Satz »Ein jüdisch Kind« eines unbekannten Verfassers endete nach einem klanglichen Höhepunkt recht abrupt, was die folgende Stille umso beklemmender werden ließ, zumal Becker die vorhandene Spannung noch in einer langen Pause hielt.

Sozusagen als Trost, aber dennoch im selben Ernst, erklang zum Abschluss Samuel Barbers »Agnus Dei« für Chor und Orchester, eine Bearbeitung seines »Adagio for Strings«.

Die Ausführenden schafften eine sehr intensive Darbietung des klangschönen Stücks. Eine weitere sehr lange, reglose Pause beendete das Konzert ohne Applaus, wie erbeten.

Für diesen Abend hätten die Musiker allerdings stehende Ovationen verdient gehabt.