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Einfühlsame Darbietung

01.04.2024 – Sascha Jouni, Gießener Allgemeine Zeitung

Zur Tradition geworden ist die Passionsmusik am Karfreitag in der Licher Marienstiftskirche. Dazu hatte wieder die Marienstiftskantorei unter Leitung von Christof Becker eingeladen. Zahlreiche Besucher konnten ein besinnliches Programm mit romantischen Chor- und Instrumentalkompositionen erleben.

Die Marienstiftskantorei singt unter Leitung von Christof Becker. © Sascha Jouini

Organistin Eva-Maria Anton baute in der Einleitung zu »Stehet auf und lasset uns mit Jesu gehen« aus Heinrich von Herzogenbergs Oratorium »Die Passion« eine andächtige Atmosphäre auf. Der Chor sang inspiriert und lud die Hörer zur geistigen Versenkung ein. Vorzüglich zum Rahmen des Programms passte Joseph Gabriel Rheinbergers von leidenschaftlichem Ausdruck erfüllte »Elegie«, einfühlsam dargeboten von Violinistin Katharina Hardegen gemeinsam mit Eva-Maria Anton.

Besonders nahe ging Anton Bruckners Passionshymnus »Vexilla regis« in seiner farbigen Tonsprache. Johannes Brahms‹ Choralbearbeitungen für Orgel »Herzliebster Jesu« und »Herzlich tut mich verlangen« gefielen gleichermaßen in der stimmungsvollen Darbietung der Organistin, unterstrichen durch flexible Tempogestaltung. Dabei kam das warme Klangbild der Chororgel voll zur Entfaltung.

Durchweg bestach zudem die differenzierte Vortragsweise der Kantorei - ob nun in Rheinbergers Motette »Tribulationes cordi mei« oder Max Regers Choralkantate »O Haupt voll Blut und Wunden«. Letztere stand im Zentrum des Programms. Die 1904 entstandene Komposition über das altbekannte Kirchenlied von Paul Gerhardt schöpfte aus einer reizvollen Instrumentation: Ganz dezent geriet eingangs die Untermalung durch Oboist Peter Sanders und Organistin Eva-Maria Anton, dann trat Violinistin Katharina Hardegen hinzu und erweiterte das Klangspektrum. Durch die ruhige Bewegung entstand in der Meditation über den Gekreuzigten ein sanfter musikalischer Fluss, dabei umspielten Oboe und Violine die Choralmelodie anmutig. Zur inneren Einkehr lud die Hörer auch Theodore Dubois‹ schattierungsreiches »Andante religioso« für Violine und Orgel ein. Ebenso fein aufeinander abgestimmt gelang Edward Elgars Fuge für Oboe und Violine.

Solchen ruhigen Kompositionen waren dynamischere Werke wie Rheinbergers Motette »Eripe me« oder Bruckners »Christus factus est« gegenübergestellt. Hier zogen die weiten Spannungsbögen in Bann. Der Kreis schloss sich in »Was Gott tut, das ist wohlgetan« aus Herzogenbergs »Passion«. Das Stück sorgte für einen erbaulichen Ausklang des hörenswerten Konzerts. Nach einer Gedenkpause spendeten die Besucher viel Beifall.