11.12.2024 – Heiner Schultz, Gießener Allgemeine Zeitung
Ein herausragendes Musikereignis genossen die Besucher des sehr gut besuchten Weihnachtskonzerts in der Marienstiftskirche. Die Camerata Vocale Hessen, das Orchester Salvatoris Consort und als Solisten Tenor Sebastian Seibert, Sopranistin Johanna Münstermann und Bariton Franz-Peter Huber lieferten ein Repertoire aus barocker Klassik auf höchstem handwerklichen Niveau und mit großer emotionaler Kraft.
Neben der von Eva-Maria Anton souverän bedienten Truhenorgel kamen klassische Barockinstrumente wie Gamben und Blockflöten zum Einsatz, prägnante Akzente setzten die Posaunen mit Iris Tjoonk. Schon der Aufmacher, Michael Praetorius »Nun komm der Heiden Heiland« setzte einen typischen Akzent. Mit vollem und vor allem tief transparentem Klang musizierte die Camerata ganz präzise und mit inniger Emotion. Das erfahrene Publikum hätte da schon gern das erste Mal applaudiert, spürte man erstmals.
Auch das Orchester präsentierte sich in Hochform und schuf in Philippe Böddeckers »Sonata sopra la monica« einen sehr ruhigen, bedächtigen Fluss, teils minimal verschleppt, doch insgesamt sehr gut. Kantor Christof Becker dirigierte gewohnt nuanciert und hochpräzise und mit sichtbarem Engagement. Er machte die Stimmvielfalt des Chors deutlich, geradezu greifbar, die Truhenorgel wurde sehr gut integriert.
Teils herausragende Akzente setzten die Solisten. Sopranistin Johanna Münstermann musizierte Tobias Michael »Machet die Tore weit« mit schöner, glasklarer Stimme und wurde vom Chor mit großer Leichtigkeit begleitet, ihre narrativen Passagen waren geprägt von natürlicher Schönheit, ein Glanzlicht. Alle Solisten wirkten in Johann Scheins »Vom Himmel hoch« mit. Nicht nur hier erwies sich Bariton Huber als sicherer, sehr klar artikulierender und klangschöner Akteur. Das hellste Funkeln erreichten die Passagen mit Tenor Sebastian Seibert. Er musizierte mit perfekter Artikulation und exzellenter Verständlichkeit und verlieh mit natürlichem, warmem Tremolo auch den länglichen narrativen Abschnitten im Hauptwerk einen spürbaren Charme.
Das Hauptwerk des Abends war Heinrich Schütz’ Weihnachtshistorie. Das ging man mit fröhlichem, fast tänzerischen Schwung an. Seibert musiziert inmitten des Ensembles und des Chors glockenklar, mit wunderschöner natürlicher Stimme, Münstermann agierte mit intensiver Transparenz. Besonders gut funktionierte die Interaktion mit dem Chor. Hier zeigte sich ein besonderer Charme der chorischen Arbeit und eine überaus lebhafte Stimmhaftigkeit. Im Ganzen klang das frei und transparent, der Chor artikulierte besonders verständlich. Das Orchester schuf eine angenehme instrumentale Ebene, bevor ein herausragend prägnanter Abschluss gefunden wurde. Das Konzertfinale bildete Michael Praetorius’ »In dulci jubilo« mit drei Solisten inmitten des Chors. Das kam mit tollem Schwung und ebensolcher Kraft, klar und emotional, perkussive Elemente lockerten das Geschehen auf.
Vor allem verlieh die exzellent gestaltete Dramaturgie dem Geschehen eine Portion Extrakraft. Keine Frage, dass sich ein famoser Abschluss ereignet: Hier war Herzblut im Spiel. Das begeisterte Publikum konnte endlich seiner Freude Ausdruck geben, der Beifall dauerte minutenlang. Kantor Becker hatte allen Grund, nun fröhlich ins Publikum zu blicken.