Presse


Traumwandlerisch sichere Improvisationen

04.10.2024 – Heiner Schultz, Gießener Anzeiger

Der italienische Organist Polo Oreni vertonte in der Marienstiftskirche Lich »Das Cabinet des Dr. Caligari«.

Für die expressive Wahnwelt des Schlafwandlers Cesare ... © Heiner Schultz

Einem musikalischen Erlebnis der Sonderklasse wohnten am Mittwoch die Zuhörer in der Marienstiftskirche bei. Der italienische Orgel-Improvisateur Polo Oreni machte mit seinen überragenden Fähigkeiten die Vorführung des deutschen Stummfilms »Das Cabinet des Dr. Caligari« von Robert Wiene zu einem wahren Rausch der Eindrücke. Das Publikum war überwältigt. Es war das erste Mal, dass in der Kirche eine solche Vorführung lief, erläuterte Kantor Christof Becher eingangs und versprach »ein Feuerwerk der Orgelkunst und Improvisation; er ist ein Meister seines Fachs«.

Paolo Oreni, 1979 in Treviglio geboren, begann als Elfjähriger seine Ausbildung bei Giovanni Walter Zaramella am Musikins-titut Gaetano Donizetti in Bergamo. Er setzte seine Studien im Jahr 2000 am Konservatorium der Stadt Luxemburg fort. Oreni konzertiert international, »gelegentlich auch mal vor tausend Zuhörern. Man zeigte den Klassiker des expressionistischen Films in der im Auftrag der Friedrich-Murnau-Stiftung renovierten und ergänzten Fassung. Das war mit korrektem Bewegungstempo, sauberen Flächen und großer Detailfülle selbst auf der kleinen Leinwand genussvoll zu betrachten.

Der Film wurde mit mehreren hochwertigen Musikfassungen ausgestattet, darunter auch eine Orgelfassung. Die hoch stilisierte, expressionistische Ausstattung und Kostüme kamen so bestens zur Geltung - keine rechten Winkel, die ganze Welt scheint verbogen, gewölbt, aus dem Lot. Hinzu kommt die verrückte Story eines Jahrmarktschaustellers, der einen »Somnambulen« vorführt, Cesare, einen Mann, der die Zukunft voraussagen kann, inklusive Tod im Morgengrauen, was dann auch prompt eintritt.

Mit den ersten farbveränderten Bildern geschieht etwas Ungewöhnliches: Das grünliche Stimmungslicht scheint auch die Kirche zu erfüllen. Die Orgel schwingt in sehr hohen Registern zart ein, und eine weißgewandete Frauenfigur sagt mittels Texttafel: »Es gibt Geister, sie sind überall um uns herum.« Man sieht eine wunderschöne, verzerrte, vermutlich trügerische gemalte Kleinstadtkulisse; insgesamt ist jede Szene ein Kunstwerk für sich.

Alle Register gezogen

Die Orgel changiert dabei dann rätselhaft, narrativ, mit stark verfremdeten Lauten, die man so noch nicht gehört hat - schließlich improvisiert Oreni. Es folgt ein perfekter Ton- und Bildschnitt in die Jahrmarktszenerie, sofort wuselt auch auf der Orgel alles durcheinander - scheinbar. Neben der minuziösen Inszenierung schafft die Orgel eine eigene Stimmungsidentität. Hier werden nicht einfach die Bilder musikalisch gedoppelt, man kann vielmehr in einer zweiten, auch sehr schrägen Welt wandeln, einer subtilen Interpretation der Aktionen und Geschichte, die Orgel wandelt sich virtuos mit der Atmosphäre.

Oreni setzt dazu alle Register ein und lässt zuweilen den tiefsten aller Tiefbässe das Kirchenschiff in Schwingung bringen - eine wunderbare sinnliche Erfahrung, zu der die Orgel in der Marienstiftskirche auch in der Lage ist.

Verblüffen und fast verzaubernd erfährt man eine Veränderung der Raumwahrnehmung: Die Welt im Film erfasst auch die Welt vor der Leinwand, das Ganze spielt inzwischen in der Kirche, und man ist mittendrin. Das wäre mit einer eingespielten Tonspur, und es liegen exzellente vor, nicht denkbar. Es entsteht die Frage, ob die Musik der Stimmung folgt oder sie tatsächlich selbst erschafft? Man ist sich nicht ganz sicher.